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Österreich spricht – ich war dabei

Wann habt Ihr zuletzt mit jemandem diskutiert, der ganz anderer Meinung ist als Ihr? DER STANDARD und einige andere Europäsche Qualitätszeitungen führte Menschen, die politisch unterschiedlicher Meinung sind, zu persönlichen Diskussionen in ganz Österreich zusammen. Am 13. Oktober war es soweit und rund 10.000 Menschen wurden zusammengebracht um im ganzen Land zu Vieraugengesprächen zu führen. Ziel war es, sich auszutauschen und Argumente der anderen Seite kennenzulernen.

Wer im Vorfeld beim entsprechenden Online Fragebogen die Ja/Nein-Fragen wahrheitsgemäß beantwortete, hatte die Chance, per Algorithmus mit einem Gesprächspartner zusammengebracht zu werden, der in der Nähe wohnt, die Fragen aber völlig anders beantwortet hat.

Mein Gesprächspartner heißt N. kommt aus der Gegend von Krems, vereinbart hatten wir uns in einem Cafe in Tulln. Beide superpünktlich trafen wir um 15 Uhr zusammen und tauschten zuerst allgemeine Infos über uns aus. N. hat gerade die HTL erfolgreich absolviert und leistet bereits seit 3 Monaten seinen Wehrdienst. Ursprünglich wollte er eigentlich beim Roten Kreuz Zivildienst machen weil er von der Sinnhaftigkeit des verpflichtenden Wehrdienstes nicht überzeugt ist. Eine interessante erste Erkenntnis, eigentlich hätte ich gerechnet, dass N. den Wehrdienst eher verteidigt. Seit kurzem ist N. auch schon ins Berufsleben eingestiegen, 20 Stunden pro Woche sind eine ideale Möglichkeit für ihn zukünftig neben dem geplanten Studium eine Existenzgrundlage zu schaffen. Familiär ist er mit 5 Geschwistern und nicht gerade sehr reichen Eltern nämlich nicht in der Position von zu Hause gesponsert zu werden. Die Unterstützungsleitungen des Staates, insbesondere keine Studiengebühren zahlen zu müssen, hält N. schon alleine aus persönlichen Gründen für sinnvoll. Anders sieht N. die Situation für Flüchtlinge, hier die entsprechenden Förderungen so gering wie nur möglich zu gestalten hält er für grundsätzlich richtig. Womit unser Gespräch zum eigentlich einzigen Thema kommt wo es zumindest in Ansätzen unterschiedliche Ansichten gibt. Als angehender Jurist hat N. einige Gerichtsverhandlungen in Wien verfolgt, dort hat er 2 Afghanen und 1 Türken im Lauf eines Tages vor Gericht erlebt die wegen minderschwerer Delikte (Drogenhandel) und einem schweren Delikt (Messerstecherei) verhandelt wurden. N. sieht dies als sympthomatisch für die Situation vieler Migranten, ist allerdings mit mir einer Meinung, dass man nicht alle Flüchtlinge über einen Kamm scheren sollte und es natürlich auch einen Unterschied macht ob jemand aus einem Kriegs- oder Kriegsgebiet kommt oder umgangssprachlich Wirtschaftsflüchtling ist. Wir sind einer Meinung, dass für dieses komplexe Thema keine einfache Lösungen vorhanden sind.

Donald Trump redet für N. sehr viel für sein Land, im übrigen hält er aber auch alle bisherigen Präsidenten letztendlich für Kriegsverbrecher, rückblickend betrachtend. Von Korea über Vietnam, Irak, Afghanistan – praktisch alle Konflikte der USA dienten ausschließlich amerikanischen Interessen. Dass sich die USA bisher als Weltpolizist aufgespielt haben und Trump dies jetzt nicht mehr so spielt hält N. für richtig. Über die wirtschaftlichen Ziel der Trump Administration  hat N. eine geteilte Meinung, Fracking zur Erdölgewinnung hält er beispielsweise für eine schlimme Umweltsünde, ähnlich sieht er auch die Versuche von Trump den Kohleabbau zu intensivieren.

Beim Thema Fleischkonsum und Ethik sind wir eine Meinung. Beide essen wir Fleisch, beide halten wir Massentierhaltung für umethisch und immer billigere Fleischpreise für falsch. Die Umweltbelastung in Südafrika durch die Rodung von riesigen Landflächen um dort Rinder zu züchten sehen wir beide problematisch.

N. ist nicht ganz davon überzeugt, ob die Technologie schon so weit ist um eine nachhaltige Energiegewinnung voranzutreiben. Interessant, hier hätte ich mir eigentlich mehr Optimismus und entsprechende Wünsche von N. erwartet, immerhin gehts ja auch um seine und die übernächste Generation. Viele aktuelle technologischen Trends sind N. aber gar nicht bekannt, vielleicht liegt sein Pragmatismus einfach am fehlenden Wissen über den aktuellen Stand der Technik. Batteriebetriebene Autos findet er grundsätzlich gut, sieht aber auch hier Umweltprobleme auf uns zukommen.

Zwischenzeitlich sprechen wir über die Zukunftsvorstellungen von N., er will  nach dem Bundesheer Jus studieren um dann in weiterer Folge im Bereich rechtlicher Themenbereiche in Kombination Informationstechnologie zu arbeiten, vielleicht als Jurist in einer IT-Firma oder ähnliches. Das ist eine immerhin sehr pragmatische und realistische Einschätzung interessanter Jobperspektiven.

Derzeit ist N. gerade mit dem Thema Wohnungssuche konfrontiert. Er will nach dem Bundesheer in Wien wohnen und studieren, unter 600 Euro kriegt man in Wien aber kaum mehr eine halbwegs akzeptable Wohnung. N. Würde gerne innerhalb des Gürtels wohnen, im 8. oder 9. Bezirk nahe der Uni. Durch seinen 20 Stunden Job liegt er einkommensmäßig jetzt mit rund 1100 Euro so hoch, dass er kaum in den Genuss zusätzlicher Förderungen kommt, hier sollte der Staat seiner Meinung nach etwas tun.

N. ist aus der Kirche ausgetreten. Er selbst fängt damit nichts an, betrachtet die „christliche Kultur“ aber als maßgeblich und relevant für Europa. Beim Islam sieht er dies nicht, insbesondere die Ausschaltung des staatlichen Rechtssystem durch die Scharia hält er für sehr bedenklich. In einigen arabischen Staaten gibt es ja die Scharia als einzige Rechtsnorm, Dieben die Hände abzuhacken wie immer noch passiert hält er für barbarisch. Andererseits ist er sich bewusst, dass auch die katholische Kirche barbarische Epochen hinter sich hat, nur eben heute im 21. Jahrhundert keine derartige Macht mehr hat, und das findet er auch gut so. Nur hält er den Islam und Europa aus den oben genannten Gründen für inkompatibel und sieht es auch problematisch, dass in Wien in manchen Schulen islamistisch sozialisierte Jugendliche Probleme machen bzw. sich nicht integrieren.

Wir plaudern über Technologie, N. ist wie ich ein SmartHome Fan und steuert seine Lampen wie ich mittels SmartPhone und Alexa. Derzeit programmiert er gerade eine Weckfunktion die sicherstellen soll, dass wenn er Morgendienst beim Heer hat mit seiner persönlichen Playlist geweckt wird. N. sieht nicht ORF, mag aber auch kein Free-TV. Generation Netflix und Amazon Prime, Nachrichten bezieht er primär aus dem Web, dort auch von den Portalen der unterschiedlichen Qualitätszeitungen. Wir diskutieren über die Sinnhaftigkeit von Fernsehgebühren, ich erkläre ihm meine Wunschvorstellung von einem ORF im Stile der BBC. Es scheint aber so zu sein, dass die Generation von N. mit dem Begriff „Fernsehen“ überhaupt nichts mehr anfängt, gut das kenne ich auch schon von meinen Kindern bzw. erlebe es ja sogar bei mir selbst.

Wir sprechen über Einkommen bzw. bedingungsloses Grundeinkommen. N. hält viel davon, zumal die Veränderungen am Berufsmarkt zwangsläufig dazu führen werden, dass Menschen kein berufliches Einkommen mehr finden werden, vor allem in den niederqualifizierten Bereichen. Ich erkläre N. im Gegenzug, dass das Grundeinkommen alleine nicht der Weisheit letzter Schluß sein wird, da man den Menschen auch einen Sinn im Leben geben muss. Hier sind wir einer Meinung.

Wir erleben es beide so, dass der Einzelhandel durch die zunehmende Verbreitung von Amazon und Co sicher weitere Einbußen hinnehmen muss. Andererseits bieten die wenigsten Einzelhändler ein Service mit dem der dortige Mehrpreis gerechtfertigt wäre. Im Gegenteil, man muss aufpassen nicht übervorteilt zu werden meint N.

Wir plaudern noch etwas weiter, letztendlich ergeben sich durch das Gespräch für mich keine grundsätzlichen Differenzen zu meinen Ansichten. N. ist ganz sicher kein „FPÖ Fan“, ich denke auch nicht einmal ein „Kurz Fan“. Seine Motivation bei der letzten Wahl zu wählen war aber ganz sicher von der Flüchtlingsthematik geprägt. Kurz spricht das Thema immerhin an erklärt mir N., das ist zumindest seine Wahrnehmung. Verschlechterungen im Bereich des Sozialstaats hat er noch keine bemerkt für sich, die würde er aber auch nicht wollen.

Es war ein interessanter Nachmittag, 2 1/2 Stunden sind sehr schnell vergangen. Ich werde N. auf jeden Fall zu meinen LinkedIn Kontakten hinzufügen. Vielleicht ist  unsere Firma ja einmal auf der Suche nach einem jungen Juristen mit IT Kenntnissen. Apropos soziale Netzwerke, Facebook und Twitter sind nichts für N., vielleicht auch ein Symptom seiner Generation?

Gestritten haben wir nicht. Vielleicht weil es beim Treffen mit einer völlig unbekannten Person gewisse Hemmschwellen gibt? Oder vielleicht deswegen weil es gar nicht so viele fundamental unterschiedliche Ansichten im Lauf unseres Gesprächs gab. Es war jedenfalls eine interessante Erfahrung für mich.